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topplus Krise am Getreidemarkt

Zankapfel Ukraine-Exporte

Der zollfreie EU-Zugang für ukrainisches Getreide erhitzt die Gemüter. top agrar will ein möglichst neutrales Bild zeichnen und räumt dabei auch ein paar Gerüchte ab.

Lesezeit: 10 Minuten

Die Diskussionen um die Ukraine-Exporte von Getreide und Raps in die EU reißen nicht ab und es gibt viele Fragen: Wie viel Ware liefert die Ukraine über welche Wege? Welchen Preiseinfluss hat das? Gibt es Gesundheitsrisiken? Was sagen Polen, was Ukrainer? top agrar hat sich einen Überblick verschafft.

Wie viel wird importiert?

Klar ist, weil der Seeweg über das Schwarze Meer zeitweise komplett versperrt war, hat die EU im Wirtschaftsjahr 2022/23 deutlich mehr Ware importiert. Vor allem beim Weizen hat sich die Menge auf rund 6 Mio. t fast verzehnfacht (siehe Übersicht 1). Auch 2023/24 bleiben die Mengen hoch.

Für ukrainischen Mais ist die EU schon länger ein großer Abnehmer. Die Übersicht zeigt, dass 2022/23 Gesamtmengen von fast 15 Mio. t in die EU ein­geführt wurden. Das ist ein Allzeithoch! Im Wirtschaftsjahr 2018/19 waren die Mengen allerdings mit 14,7 Mio. t ­ähnlich hoch. In der aktuellen Saison 2023/24 waren es bis einschließlich Januar 6,6 Mio. t. 

Beim Raps ist die Lage EU-weit gesehen recht unspektakulär. Seit vielen Jahren sind europäische Ölmühlen auf Importe aus Drittländern angewiesen. Schon vor dem Krieg importierte die EU rund 2 Mio. t Raps (2020/21) aus der Ukraine. Für das „Kriegsjahr“ 2022/23 stieg die Menge auf 2,6 Mio. t.

Wechsel bei EU-Abnehmern

Deutlich verändert haben sich die Zugangswege in die EU für ukrainisches Getreide. Vor der Krise führte die Route meist über den Seeweg nach ­Spanien, Italien und die Niederlande. Mit dem ersten Krisenjahr änderte sich das und osteuropäische Länder wie ­Polen, Rumänien und Ungarn belegten vordere Ränge bei den Importen. ­Spanien blieb allerdings Hauptab­nehmer.

Im aktuellen Wirtschaftsjahr scheinen sich die Warenströme zu normalisieren. Der Seeweg ist wieder offen und mit Abstand der günstigste Exportkanal. Sowohl bei Weizen als auch bei Mais spielen die Ukraine-Anrainerstaaten Ungarn, Polen oder Rumänien als Abnehmer keine größere Rolle mehr. 

Deutschland kauft Mais

Deutschland kaufte im ersten Krisenjahr vergleichsweise wenig und lag als Abnehmer an achter Stelle mit knapp 100.000 t Weizen bzw. an zehnter Stelle mit 460.000 t Mais. Auch in der laufenden Saison ist es vor allem ukrainischer Mais, der zu uns kommt. Bis einschließlich Januar waren es immerhin 427.000 t. Deutsche Marktteilnehmer bewerten die ukrainischen Getreide- und Ölsaaten-Lieferungen unterschiedlich.

Antje Krieger, BayWa-Sprecherin in München, sieht keine größeren Verschiebungen. „De facto gibt es keinen nennenswerten Warenstrom aus der Ukraine in den Süden Deutschlands“, erklärt sie. Es würden aber aus Osteuropa (Polen, Tschechien oder Ungarn) übliche Mengen importiert.

Bei der Agravis in Münster spielt ­ukrainische Ware hingegen schon eine Rolle. Unternehmenssprecher Bernd Homann sagt auf Nachfrage: „Wir kaufen Mais und Raps aus der Ukraine, denn wir sind in Deutschland auf die Einfuhr angewiesen, um den Bedarf zu decken“, erklärt er. Dabei entsprechen die Mengen, die importiert wurden, ­denen eines „Normal-Jahres“.

Das bestätigt ein Hersteller aus der nordwestdeutschen Mischfutterbranche. Man brauche den ukrainischen Mais. Er habe die Importmengen sogar leicht erhöht, gibt er offen zu.

Welche Preiswirkung?

Den Grund für den Preisverfall auf dem Getreidemarkt sehen Marktteilnehmer nicht nur in den ukrainischen Lieferungen. Es seien vor allem die weltweit gute Versorgungslage und die günstige Witterung. So erklärt es auch der Agrarmarktanalyst Patric Strauß aus Berlin. Für ihn wird die Debatte über den zollfreien Zugang ukrainischer Ware zum EU-Markt völlig überzeichnet. Die Getreide und Ölsaatenmärkte seien relativ offen und Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt würden das Preisniveau bestimmen. „Sonst würden wir in Europa andere Preise vorfinden als in den USA, was nicht der Fall ist“, stellt er klar (siehe Übersicht 2).

Regional könne sich das Preisgefüge durch die veränderten Warenströme sehr wohl verschieben, meint er. So seien polnische Landwirte an der Grenze zur Ukraine den Mengendruck aus dem Osten nicht gewohnt. „Das Problem ist aber etwas hausgemacht, weil viele polnische Betriebe Getreide überlagert haben“, berichtet Strauß. In Deutschland sehe er eigentlich keinen zusätzlichen Preisdruck durch ukrainische Ware. 

Gerücht 1: „Ukraine-Getreide geht in Interventionslager“

Ein Gerücht lautet, Deutschland würde mit günstigem ukrainischem Getreide deutsche Interventionslager füllen. Die klassische Intervention gibt es heute allerdings nicht mehr. Stattdessen unterhält die Regierung eine staatliche Notreserve, die von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) verwaltet wird. Sie besteht aus Weizen, Roggen und Hafer (Bundesreserve). Aus rund 150 Standorten soll im Krisenfall vor allem Mehl für die Brotversorgung der Bevölkerung hergestellt werden. Aktuelle Lagermengen darf die BLE nicht nennen.

Derzeit wird nur Ware aus Deutschland und der EU eingekauft. Ukrainisches Getreide kauft die BLE nicht ein. Der Einkauf erfolgt mittels Ausschreibungen. Die BLE macht Vorgaben zur Beschaffenheit und Qualität der zu liefernden Ware. Sie kontrolliert die Ware vor der Übernahme.

Außerdem führt sie in regelmäßigen Abständen von vier bis sechs Wochen Kontrollen durch. Hierbei überprüft sie den Zustand des Lagers (Sauberkeit und bauliche Mängel) sowie den Zustand der Ware. Der Lagerhalter ist verpflichtet, die Ware jederzeit gesund und handelsüblich für die BLE bereit zu halten. Die Bestände an Getreide, Reis und Hülsenfrüchten werden nach ungefähr zehn Jahren Lagerdauer durch neue Ware ersetzt („gewälzt“).

Gerücht 2: „Transportförderung für Ukraine-Export“

Es gab am Markt zeitweise das Gerücht, Brüssel subventioniere jede Tonne Weizen, die die Ukraine in die EU exportiert. Im Gespräch wurden Beträge von 30 bis 40 € je Tonne genannt. Nach top agrar-Recherchen ist das eine Falschmeldung. Es gab und gibt keine Förderung, bestätigt eine Sprecherin der EU-Kommission.

Allerdings hatte im August 2023 der EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski die Idee ins Spiel gebracht, den Transit von Getreide zu subventionieren. Dazu veranschlagte der EU-Agrarkommissar ca. 30 €/t Getreide.

Die geplante Förderung wurde jedoch nie umgesetzt. „Die Wirtschaftsbeteiligten sollten sich um die rentabelsten Strecken bemühen und dabei unter Marktbedingungen konkurrieren“, erklärte EU-Sprecherin.

Stattdessen hat die EU allerdings in Infrastruktur investiert, um die Exporte der Ukraine über Land zu erleichtern. Seit 2022 wurden über die sogenannten „Solidaritätskorridore“ mehr als 2 Mrd. € für Infrastrukturprojekte in der EU und angrenzenden Länder bereitgestellt. Laut der EU-Kommission konnte die Ukraine zwischen Mai 2022 und Januar 2024 rund 122 Mio. t Waren über den Landweg exportieren. Darunter waren rund 64 Mio. t Getreide, Ölsaaten und verwandte Produkte, so die Kommission.

Gerücht 3: „Gesundheitsschädlich“

Gerüchte gibt es auch zu Gesund­heitsrisiken. Eine Meldung aus dem Deutschlandfunk im Mai 2023 sorgte für Aufsehen: „Dänemark bestätigt Pestizid-Nachweis in ukrainischem Weizen“. Auf Nachfrage bestätigt das dänische Ministerium, dass in ukrainischem Weizen in der Slowakei der in der EU verbotene Wirkstoff Chlorpyrifos nachgewiesen wurde. Es seien aber keine weiteren Vorfälle bekannt.

In Deutschland ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zuständig und teilt mit, dass aus dem Zeitraum 1.1.2022 bis 31.12.2023 Laborwerte von 15 Getreideproben mit gesicherter ukrainischer Herkunft vorliegen. Nach 5.000 Untersuchungen auf 880 Wirkstoffe wurden insgesamt 14 Wirkstoffe nachgewiesen, die aber unter den festgesetzten Rückstandshöchstgehalten blieben.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat über das europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF) einen Überblick und sagt, es gebe bisher keine Auffälligkeiten im Vergleich zu anderen Drittländern. Das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) kontrollierte 43 Importsendungen. Auch hier hieß es: „Keine Auffälligkeiten der Getreidesendungen aus der Ukraine.“

Gleiches gilt für QS. Das privatwirtschaftliche System hat aber kürzlich den Risikostatus von Mais aus der Ukraine für Aflatoxin B1 von niedrig auf mittel erhöht. Grund: die Witterung!

Interview: „Wir müssen über Obergrenzen reden“

In Polen liegt der Getreidemarkt am Boden. Wir haben Dr. Juliusz Urban von top agrar Polska zur Lage befragt.

Herr Dr. Urban, beschreiben Sie die aktuelle Marktlage in Polen bei Getreide.

Dr. Juliusz Urban: Der Getreide­handel in Polen ist zuletzt regelrecht zum Erliegen gekommen. Die Landwirte hoffen auf höhere Preise und konzentrieren sich auf die Feldarbeit. Gleichzeitig sind die Verarbeiter noch immer gut versorgt.

Welche durchschnittlichen Preise können Landwirte in Polen für ­Getreide ab Hof erzielen?

Urban: Die Preise variieren stark. Die niedrigsten Erlöse gibt es im Südosten, weil der Weg zum Hafen so weit ist. Die aktuellen Erzeu­gerpreise liegen durchschnittlich für Brotweizen bei 720 PLN/t um­gerechnet 169 €/t, Futterweizen bei 145 €/t, Triticale bei 130 €/t und Roggen bei nur 114 €/t. Das ist weit unter den Produktionskosten, sodass niemand verkaufen möchte.

Wie schätzen Sie den Einfluss des ukrainischen Getreides auf die Preise auf dem polnischen Markt ein?

Urban: Die Grenze ist blockiert. ­Ukrainisches Getreide kann man derzeit nicht für die Preismisere ­verantwortlich machen. Bei den ­Getreideausschreibungen in Afrika und Asien kämpfen Russland, die Ukraine und die EU um den ­Zuschlag. Dort werden die Preise ­gemacht.

Also sehen Sie keinen Preiseinfluss der Getreideimporte aus dem ­Osten?

Urban: Wenn die Grenze offen wäre, sehr wohl! Bis zu 200 km hinter der Grenze ist der Transport mit Bahn nach Polen oft interessanter als ans Schwarze Meer. Auf solche Mengen sind polnische Händler und die ­Häfen nicht ausgelegt. Es ist deshalb wichtig, dass die EU den Markt ­reguliert und Importe im Zweifel beschränkt. Wir müssen über Zölle und Obergrenzen für ukrainisches Getreide diskutieren.

Gibt es aktuell irgendwelche ­finanziellen Unterstützungen für polnische Ackerbauern?

Urban: Ja, es gibt neben den EU-Prämien zusätzliche Beihilfen für die alte und neue Saison. Für 2022/23 gab es Entschädigungen für Mais von 120 bis 240 € je ha (max. 100 ha). Für die aktuelle Saison sind für alle Getreidearten Un­terstützungen pro Tonne geplant. Je nach Verkaufsdatum sollen ­zwischen 47 und 70 € liegen.

Wie viel Zoll für Getreideimporte?

Die Ukraine darf aufgrund des Konflikts mit Russland unbegrenzt zollfrei ­Getreide in die EU exportieren. Andere Drittstaaten zahlen Zölle, die je nach Getreideart sehr unterschiedlich aus­fallen. So erhebt die EU niedrige oder keine Zölle auf Rohstoffe, die in der Gemeinschaft eher knapp sind wie Durum-Weizen oder Mais. Für Rohwaren mit hohem Selbstversorgungsgrad sind hingegen hohe Importzölle fällig wie bei Triticale – aktuell mehr als 90 € je t.

Komplizierter wird es beim Weichweizen: Dort variiert der Zoll je nach Proteingehalt. Weichweizen mit hohem ­Rohproteingehalt von über 14 % kann unbegrenzt zollfrei in die EU. Liegt der Gehalt unter 14 %, werden hingegen 12 € je t Zoll fällig. Das gilt allerdings nur im Rahmen von Sonderkontingenten, die auf 4 Mio. t pro Jahr festgesetzt sind. Außerhalb des Kontingents sind bei Weichweizen mittlerer und niedriger Qualität dann 95 € Zoll fällig. Der finanzielle Vorteil, den die Ukraine gegenüber anderen Drittstaaten beim Export in die EU hat, ist nicht pauschal zu beantworten.

Reportage: „Verkauf über Land lohnt nicht!“

Wie sehen Ukrainer die Diskussion? Dietrich Treis ackert in der Ukraine und beschreibt seine Sicht.

Viele Landwirte kritisieren, dass es bei den ukrainischen Ausfuhren oft nicht mit rechten Dingen zugehe: Windige polnische Händler würden ukrainische Lieferanten mit weniger als 100 €/t Weizen abspeisen und Zertifikate seien das Papier nicht Wert. Wir haben bei Dietrich Treis nachgefragt. Treis stammt aus Deutschland und lebt mit seiner Familie in der Ukraine. Seit 2017 führt er einen Ackerbaubetrieb nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit 4.500 ha.

Treis räumt mit den Gerüchten auf: Die Preise für Mais und Futterweizen liegen laut Treis im Hafen von Odessa derzeit bei ca. 145 – 150 US-Dollar/t. Von seinem Betrieb bei Kiew sind es ca. 600 km bis Odessa und die Transportkosten liegen bei gut 30 US-Dollar/t, d. h. ab Hof liegt der Preis bei rund 120 $/t. Ein Transport nach Deutschland würde ihn über 100 $/t kosten, sei also nicht interessant. Aus der Westukraine werde der Transport zum Hafen etwas teurer sein, da kann sich die Vermarktung über Polen rechnen. Laut Treis sei natürlich jedem selber überlassen, sich für unter 100 €/t abspeisen zu lassen, wenn man aber eine ordentliche Qualität hat, müsse das nicht sein und er könne sich auch nicht vorstellen, dass jemand für den Preis verkaufe.

Keine Transportkosten ­erstattet bekommen

Er habe in den vergangenen Monaten seine Ernte, bis auf 1.800 t Raps, über die Schwarzmeerhäfen oder die Donau vermarktet. Sein Betrieb habe Raps in die EU geliefert. Eine Transportkostenerstattung gebe es seines Wissens nach dafür nicht.

Ukrainische Landwirte bekämen auch keine anderen Subventionen. „Letztendlich handeln wir alle auf dem Weltmarkt, und da ist der australische Landwirt genauso ein Konkurrent wie der Deutsche. Aktuell sind es eher die Russen, die den Getreidemarkt überschwemmen“ lautet seine Einschätzung.

Ihre Meinung ist gefragt!

Was denken Sie über die Situation am Getreidemarkt und den Einfluss der Ukraine-Ware? Was hören Sie in den Gesprächen mit dem Landhandel & Co.? Gibt es weitere Gerüchte, denen top agrar auf den Grund gehen sollen?

Schicken Sie uns gerne Ihre Meinung per Mail an: andreas.beckhove@topagrar.com

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