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Stöcker: „Molkereimarken funktionieren hier nicht allein“

Hans Stöcker war bis Jahresende Vorstandsmitglied in der Molkereigenossenschaft FrieslandCampina – als einziger deutscher Landwirt. Wie schätzt er die Zukunft der Milchwirtschaft ein?

Lesezeit: 9 Minuten

Dieser Artikel erschien zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben.

Wochenblatt: Herr Stöcker, Sie haben die erste Hochzeit einer deutschen und niederländischen Molkereigenossenschaft begleitet: 1997 haben die niederländische Campina und die deutschen Milchwerke Köln-Wuppertal ihre Zusammenarbeit gestartet. War es die richtige Entscheidung?

Hans Stöcker: Ja, zu 100 %. Köln-Wuppertal war damals die größte deutsche Molkereigenossenschaft, aber 1997 auch der schlechteste Auszahler. Der Druck der großen Lebensmittelhändler machte uns sehr zu schaffen. Die Mitglieder waren total verärgert über die niedrigen Milchpreise. Es musste sich etwas ändern. Viele forderten einen „nordrhein-westfälischen Weg“, also den Zusammenschluss mit anderen Molkereien aus NRW. Das wäre für uns aber nicht richtig gewesen.

Haben alle Mitglieder die Entscheidung mitgetragen?

Hans Stöcker: Nein. Die Besonderheit war auch, dass es keine Fusion im klassischen Sinne war, sondern die Mitglieder ganz neu bei Campina beitreten mussten. Das hat nur etwa die Hälfte der Mitglieder der Milchwerke Köln-Wuppertal getan, die andere Hälfte hat gekündigt. Das war hart, auch für die Beziehungen unter den Milcherzeugern eines Ortes.

Es folgte die Fusion zu FrieslandCampina Ende 2008. In Deutschland haben Sie lange weiter auf die Marken Tuffi und Landliebe gesetzt. Im vergangenen Jahr dann die Entscheidung, einen Großteil des Deutschlandgeschäfts zu verkaufen. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Hans Stöcker: Ich konnte es am Anfang nicht glauben, dass wir das ernsthaft prüfen. Der Verkauf tut mir in der Seele weh. Trotzdem war es wirtschaftlich gesehen das einzig vernünftige. Denn wir haben 20 Jahre nicht geschafft, mit Landliebe und unserer Molkereistruktur Geld zu verdienen, dann hätten wir es auch nicht in den nächsten Jahren geschafft.

Die Marke „Landliebe“ geht an Theo Müller. Was kann er besser als FrieslandCampina (FC)?

Hans Stöcker: Müller hat die passende Molkereistruktur. Er kann deutlich günstiger Milchfrischprodukte produzieren als wir. Wir waren stolz auf die Marke, weil sie direkt von uns Bauern stammt. Müller versucht sie nun zur Molkereimarke zu machen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass FC nie Geld mit Land­liebe in Deutschland verdient hat. Warum ist das nicht gelungen?

Hans Stöcker: Die Marke hat schon Geld verdient, die Molkereistruktur war das Pro­blem. Wir hatten ein Festkostenproblem. Hinzu kommt: Die meisten deutschen Molkereien treten als Dienstleister für den Lebens­mitteleinzelhandel auf, sie pro­duzieren deren Handelsmarken. FC hat sich wegen des starken Wettbewerbsdrucks daraus zurückgezogen. Wir wollten mit unseren eigenen Molkereimarken dazu in Konkurrenz gehen. Das funktioniert im deutschen Markt nur mit ganz wenigen starken Marken, unter anderem von Müller. Wir sehen gerade in Krisenzeiten mit hoher Inflation, dass Marken gegen die Eigenmarken des Handels verlieren.

Was ändert sich nun für die deutschen Mitglieder?

Hans Stöcker: Wir erfassen die Milch weiter von unseren deutschen Mitgliedern. Seit dem Jahreswechsel entfällt der Landliebezuschlag von 1 Cent/kg. Dafür gibt es 1 Cent/kg Zuschlag für gentechnikfreie Fütterung. Das liegt auch daran, dass wir einen Teil der Milch mit unserer Nachbar­molkerei Hochwald tauschen.

Was hat FC noch vor in Deutschland?

Hans Stöcker: FC behält die Niederlassung mit Landwirteabteilung in Düsseldorf. Denn der Umsatz des Deutschlandgeschäfts beträgt 300 Mio. €. Internationale Marken wie Valess, Chocomel und Frico Käse funktionieren gut, bleiben wichtig und sollen wachsen. Wir haben nur keine eigene Milchverarbeitung mehr.

Die Standorte Lippstadt, Goch und Nörten-Hardenberg bleiben?

Hans Stöcker: Ja, denn hier findet keine Rohmilchverarbeitung statt, sondern die Weiterverarbeitung von Milchbestandteilen, zum Beispiel zu Pharmazeutika und Babynahrung.

Sie haben eben den Milch­austausch mit Hochwald angesprochen. Was steckt dahinter?

Hans Stöcker: Wir müssen uns vom Gedanken lösen, dass wenn es einer Genossenschaft schlecht geht, sie mit einer anderen fusionieren kann. Das wird kartellrechtlich nicht mehr möglich sein. Also muss die Zusammen­arbeit besser werden. Genossenschaften müssen in einzelnen Bereichen aus der Stärke he­raus zusammenarbeiten – und nicht aus der Not heraus.

Ist das ein Durchbruch in ­Sachen Zusammenarbeit?

Hans Stöcker: Nein, aber der Milchaustausch mit Hochwald ist ein Schritt, um Kosten zugunsten der Mitglieder zu sparen. Ein weiterer ist, dass das Deutsche Milchkontor (DMK) für uns Mozzarella produziert.

Was versprechen Sie sich?

Hans Stöcker: Der deutsche Lebensmittelhandel (LEH) ist extrem stark. Wenn wir ihm zumindest etwas die Stirn bieten wollen, sind solche Zusammenschlüsse hilfreich. Denn der Handel treibt auch die vertikale Integration voran. Jüngstes Beispiel: Lidl ist selbst in die Eisproduktion eingestiegen – und ärgert damit das DMK, das sich eine stattliche Position bei Eis aufgebaut hatte. Wichtig dabei ist auch: Der deutsche LEH ist aber nicht unser einziger Kunde.

Das nicht, aber er setzt die Standards: Bereits 2030 soll das gesamte Milchfrischsortiment auf Haltungsform 3 und 4 umgestellt sein. Halten Sie das für realistisch?

Hans Stöcker: Ich denke schon. Zum einen, weil das bei Milchfrischprodukten möglich ist. Zum anderen, weil große Unternehmen Nachhaltigkeitsreporte abliefern müssen – auch der Handel.

Also haben wir dann nur noch Haltungsform 3?

Hans Stöcker: Nein. Denn Anbindehaltung dürfte es auch künftig geben. Die Milch geht dann aber nicht in die Handelsmarken, sondern in Markenprodukte, die Industrie oder ins Ausland. Die große Herausforderung für Molkereigenossenschaften wird sein, die Betriebe mit den verschiedenen Strukturen zu bündeln und die Milch abzunehmen. Eine Lösung wäre, die Milch noch mehr untereinander auszutauschen.

Macht FC bei QM+ oder QM++ mit, um die höheren Haltungsformen zu erfüllen?

Hans Stöcker: Nein, wir auditieren nur für QM. Wir wollen zu viele Milchströme vermeiden. Möglicherweise können unsere Mitglieder aber trotzdem QM++-Milch für Haltungsform 3 abliefern. Allerdings glaube ich nicht, dass wir die 3 Cent/kg Zuschlag für QM++ auszahlen können. Bei uns wird es eher über das Nachhaltigkeitsprogramm Foqus Planet laufen. Dort honorieren wir Tierwohlbemühungen und Umweltmaßnahmen. Unser Ziel ist: ­einen Milch-Standard vermarkten – und wer mehr machen will, kann das individuell tun.

Was spielt künftig eine größere Rolle: Klima oder Tierwohl?

Hans Stöcker: Tierwohl ist nur im deutschen Einzelhandel ein Thema, das allerdings bleiben wird. CO2 spielt in allen Ländern dieser Welt eine Rolle. Deshalb hat CO2 Priorität.

Müsste es dann nicht eine vergleichbare Klimabilanz für alle Betriebe und Molkereien geben?

Hans Stöcker: Unbedingt! Ziel muss sein, dass jeder landwirtschaftliche Betrieb mit einer einheitlichen Methode eine Klimabilanz erstellt. Die Landwirtschaftskammern NRW und Niedersachsen sind an der Entwicklung dran, das ist gut. Das Problem momentan ist: Jede Molkerei hat eine eigene Berechnung. So ist der CO2-Fußabdruck nicht vergleichbar. ­Eine CO2-Reduktion können wir aber erst in Geld umwandeln, wenn wir die Klimabilanzen der Höfe und Produkte vergleichen können. Die Niederländer sind uns da ­vo­raus. Sie haben schon einen Weg gefunden und vermarkten die ­CO2-Reduktion. Das müssen wir in Deutschland auch hinbekommen, bevor es zum Gesetz wird. Denn große Unternehmen wie Danone oder Unilever fragen bereits nach Klimabilanzen. Mit Nachhaltigkeit auf den Milchviehbetrieben lässt sich künftig Geld verdienen.

Die Ampelregierung ist zwei Jahre im Amt. Ihr Fazit?

Hans Stöcker: Als Molkereivertreter und Bauer bin ich nicht zufrieden. Ich unterstütze die Politik zu 100% in ihren Zielen, Nachhaltigkeit und Biodiversität zu verbessern. Bloß der Weg ist zu 100% falsch. Sie nehmen mit ihren Verboten und Auflagen, wie zu den Fahrsilos, den kleinen und mittleren Familienbetrieben die Zukunftsperspektive für die Hofnachfolger. Dabei wollen sie diese eigentlich erhalten.

Das Özdemir-­Ministerium würde am liebsten in den Milchmarkt eingreifen, über Artikel 148 oder 210 a der Gemeinsamen Marktordnung. Wie bewerten Sie das?

Hans Stöcker: Artikel 148 ist eine Beschäftigungstherapie für Beamte im Ministerium. Der wird uns nicht weiterhelfen, sondern schaden. Der 148er ist überholt und viel zu starr für den volatilen Milchmarkt. Der Artikel 210 a könnte eine Chance sein, aber nur wenn das Kartellamt von Anfang an miteingebunden wird.

Die niederländische Politik hat in den Markt eingegriffen. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Hans Stöcker: In den Niederlanden war der Aufschrei bei der Stickstoffpolitik so groß, weil die Bauern einfach nur weniger Tiere halten sollten. Das fand selbst der Rest der Bevölkerung komisch und hat sich dagegengestellt. In Deutschland haben die Bauern bereits viele Verbote stillschweigend hingenommen.

Das Problem in beiden Ländern: Die Politiker treiben die jungen Leute von den Höfen. Und zwar damit, dass es keine Entscheidungen gibt. Aktuell traut sich kaum ein Landwirt, unternehmerisch zu investieren. Es fehlt die klare politische Linie und Perspektive!

Die Ampel will ein Herkunftskennzeichen einführen. Wie stehen Sie dazu?

Hans Stöcker: Freiwillig finde ich es klasse. Verpflichtend für Molkereiprodukte – auf keinen Fall. Da entstehen zu hohe Kosten. Hinzu kommt, dass zum Beispiel der Milchaustausch mit anderen Ländern nicht mehr möglich ist.

Und was halten Sie vom 30 % Bio-Ziel?

Hans Stöcker: Das ist unrealistisch. Wir wollen Nachhaltigkeit, nicht nur Bio. Nach­haltigkeit bedeutet: Ökonomie, Ökologie und Soziales zu vereinen. Bio allein hilft uns nicht um eine nachhaltige Landwirtschaft, nach den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen zu entwickeln, sondern ist nur eine erfolgreiche Nische.

Keine Nachzahlung für 2023, 1800 Jobs streichen: Die Nachrichten zum Ende Ihrer Amtszeit hätten erfreulicher sein können, oder?

Hans Stöcker: Ja, das stimmt. Aber der Markt für Molkereiprodukte hat sich nach Corona und durch den Ukrainekrieg und der damit einhergehenden Inflation drastisch verändert. FC reagiert schnell auf den Ren­dite­verlust bei Molkereimarken und Bioprodukten in Europa – und senkt strukturell die Kosten durch einen schmerzlichen Personalabbau. Das macht FC wieder konkurrenzfähig. So erhalten die Mitglieder künftig neben dem garantierten Milchpreis eine Nachzahlung für das eingesetzte Kapital, sodass FC den führenden Milchpreis im Markt auch erwirtschaftet.

Was bedeutet Ihr Ausscheiden für die deutschen Mitglieder?

Hans Stöcker: Die deutschen Bauern haben kein deutsches Gesicht mehr im Vorstand bei FC. Aber ich habe vollstes Vertrauen in meinen niederländischen Kollegen Hermann Bakhuis. Er und die deutschen Distrikträte sind nun für die Belange der deutschen Milchbauern verantwortlich.

Was machen Sie nun mit Ihrer neu gewonnenen Zeit?

Hans Stöcker: Meine Familie wieder mehr auf dem Betrieb unterstützen. Wir bauen gerade einen neuen Kuhstall. In den vergangenen Jahren hatte ich ehrlicherweise wenig Zeit, mich einzubringen. Da kann ich etwas nachholen.

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