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topplus Anpassung an den Klimawandel

Ein Plan für mehr wirtschaftliche Stabilität in Krisenzeiten

Wie Landwirte unter Unsicherheiten ihr Risikomanagement betreiben können, zeigt der Hof Tolle in Nordhessen. Er rüstet sich mit einem Fünf-Schritte-Plan zur Klimaanpassung gegen Extremwetterereignisse.

Lesezeit: 9 Minuten

Wie hoch baue ich einen Deich, wenn ich nicht weiß, wie hoch das Wasser steigen wird? Diese Frage, die sich Bauingenieure an Nord- und Ostsee stellen, treibt auch Landwirt Nils Tolle um. Wie kann er sich gegen etwas Unberechenbares wie den Klimawandel rüsten?

Auf Starkregen mit überfluteten Feldern folgt die nächste Trockenperiode mit Ernteausfällen. Anbauregionen und Jahreszeiten verschieben sich. Nicht zu vernachlässigen sind die indirekten Effekte wie Energiekrisen oder mangelnde Futterverfügbarkeit.

Nils Tolle spürt die Auswirkungen des Klimawandels bereits heute. Er will seinen Betrieb frühzeitig darauf einstellen. Das Risiko der Fehlanpassung ist dabei allerdings enorm groß. Viele Branchen haben dasselbe Problem. Doch besonders für Landwirte ist das herausfordernd, da sie bekanntermaßen über Generationen in die Zukunft blicken und neue Ställe über jahrzehntelange Kredite finanzieren. Wie können sich Betriebe unter diesen Bedingungen anpassen?

Vier Standbeine auf 60 Hektar

Der Hof Tolle in Fürstenwald (Hessen) testet aktuell eine Methode namens IDAP-CC. Mit ihr soll jeder Betrieb in fünf Schritten eine individuelle Klimastrategie entwickeln können. Die Abkürzung steht für Integrated and Dynamic Agricultural Planning for Climate Change. Zu Deutsch: Integrierte und dynamische Agrar-Planung für den Klimawandel.

Zwar passen sich einige Betriebe bereits ohne eine auf den ersten Blick komplizierte Methode den Klimafolgen an. Tolles selbst entwickeltes Schritt-für-Schritt-Vorgehen kann jedoch dabei helfen, nichts zu übersehen. Denn manchmal kann es schwer sein, die Distanz zum eigenen Betrieb zu wahren.

Als selbstständiger Umweltberater versucht der 31-Jährige, seine Erkenntnisse anderen Landwirten zu vermitteln. Zu allererst setzt er seine Methode aber seit 2020 auf dem elterlichen Bio-Nebenerwerbsbetrieb in die Tat um. Noch gehört dieser den Eltern Georg und Beate Tolle.

Bald will er ihn gemeinsam mit seinen drei Freunden Tim Kramm, Markus Müller und Marius Rau als GbR übernehmen und im Haupterwerb weiterführen. In Deutschland sind die Kasseler noch die einzigen, die sich der IDAP-CC Methode verschrieben haben. Doch im Rahmen eines EU-weiten Projektes testen zwei Partnerbetriebe in Tschechien und Luxemburg die Anwendung.

Die vier jungen Landwirte aus Nordhessen bauen aktuell auf vier Standbeine: Market Gardening, Ackerbau, Mutterkuhhaltung und Pensionspferde. Sie probieren stets Neues aus, scheitern, lernen und versuchen es mit weiteren Optionen. Das machen sie auf 60 ha. Davon sind ein Viertel Grünland und 45 ha Ackerland.

Sogar für die Kichererbse zu trocken

Die Region, ein Grenzertragsstandort mit maximal 30 Bodenpunkten, ist für den Bioanbau herausfordernd. Ordentliche Erlöse zu erwirtschaften, sei schwer. Dennoch eignen sich die Flächen neben der Futterweizenproduktion auch für Anbauversuche.

Im Jahr 2022 testeten die Junglandwirte das erste Mal Kichererbsen auf einem 0,5 ha großen Versuchsacker. „Das ging komplett in die Hose, weil es sogar für die Kichererbse zu trocken war“, räumt Tolle ein. Für einen Sortenvergleich haben sie trotzdem gedroschen und erzielten einen Ertrag von 300 kg/ha. „Wirtschaftlich war das überhaupt nicht. Wir haben Falafel für unser Hoffest angeboten und den Rest selbst gegessen.“

2023 pflanzten sie die Trendleguminose trotzdem wieder an – dieses Mal auf knapp einem Hektar. Nun gab es ein anderes Problem: Der anhaltende Niederschlag erschwerte die Suche nach dem passenden Erntezeitpunkt.

Der Kichererbsenanbau war eine Lektion in den Grenzen der Anpassungsmaßnahmen – und das, obwohl ausgerechnet die wärmeliebenden und trockentoleranten Leguminosen viel in der Diskussion sind und als zukunftsträchtige Kultur gehandelt werden. Tolle lernt aus dem Rückschlag: „Das hat mir erneut gezeigt: Ausprobieren allein reicht nicht aus. Wir brauchen vielmehr eine solide Betriebsstrategie, die aufzeigt: Was kommt danach?“

Market Gardening stabilisiert den Betrieb wirtschaftlich

Euphorisch gestikulierend steht Nils Tolle vor dem metergroßen Wandplakat, das ebendiese Strategie zeigt. Genau hier kommt die IDAP-CC ins Spiel.

Die Klimastrategie im Praxistest

Die Klimastrategie ist das Produkt von Nils Tolles Fünf-Schritte-Plan, angewendet auf seinen Hof. Gemeinsam mit der Universität Hohenheim kombinierte er die Erkenntnisse aus dem Anpassungs­management mit bewährten Methoden der landwirtschaftlichen Betriebsführung. Die fünf Schritte lauten:

- Betriebs- und Standortbeschreibung mit Zielformulierung

- Vulnerabilitätsanalyse: Wo liegen ­Stärken und Schwächen des Betriebes?

- Anpassungsmaßnahmen auf Basis der ersten beiden Schritte sammeln

- Klimastrategie: Kombination der ­Maßnahmen entlang einer Zeitachse und Prüfung auf ihre Wirtschaftlichkeit, soziale Effekte, Biodiversitätswirkung sowie ­Synergien und Zielkonflikte

- Umsetzung und Monitoring

Die Maßnahmen des Hofes Tolle reichen von Mob Grazing bis Heutrocknung, von Biogas zu Aquakultur. Jede Maßnahme, sowie die Strategie als Ganzes wird auf Herz und Nieren geprüft. Ob in Niederbayern, an der Küste oder im Mittelgebirge, die Klimastrategie muss zum individuellen Betrieb passen. Auch die Interessen der Betriebsleiter ­fließen mit ein. „Ich kann nicht überall rumlaufen und sagen: Baut Kichererbsen an. Was hier klappt, kann schon im ­Nachbarort schwierig werden“, erklärt Tolle. „Leider kann ich keinen Katalog entwickeln, in dem Landwirte ihre ­Favoriten abhaken können und am Ende steht die Strategie. Das Produkt entsteht vielmehr aus den Dialogen zwischen ­Klimaberatern und Landwirten.“

Die fertige Strategie ist in kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen aufgeteilt, zu erkennen an den grau gefärbten Kreisen. Aufgrund der ungewissen Zukunft gibt es flexible Pfade der Anpassung. So können Landwirte auf plötzliche Ereignisse wie z. B. die Coronapandemie oder die Energiekrise reagieren. Die Klimastrategie ist folglich ein lebendiges Dokument, das Landwirte regelmäßig überarbeiten.

Einmal jährlich sitzt auch das Team des Hofes Tolle zusammen. Sie prüfen, ob sie ihren Betriebszielen nähergekommen sind und ob sie ihre Strategie anpassen ­müssen. Die Ziele lauten zum Beispiel: Reduktion der Treibhausgasemissionen um 30 % bis 2030, Humusaufbau, Umstellung auf Haupterwerb, zwei Vollerwerbsstellen im Gartenbau, 15 Urlaubstage und eine Wochenarbeitszeit von im Schnitt max. 50 Stunden.



„Das ist ein bisschen peinlich“, sagt Nils Tolle. „Aber wir haben erst nach der Vulnerabilitätsanalyse in Schritt zwei gemerkt, dass wir in jedem Betriebszweig unfassbar anfällig für Trockenheit waren“, erzählt er über die Anfänge. Sowohl Pferdehaltung als auch Ackerbau und Mutterkuhhaltung sind dürreanfällig. Und dementsprechend auch das Betriebsergebnis.

Deshalb suchte er einen Betriebszweig, der die Risiken ausgleichen kann. „Gemüse ist wirtschaftlich stark und kann die Verluste abpuffern, sodass es nicht betriebsgefährdend wird. So kann man mal zwei Dürrejahre überstehen“, erklärt Tolle. In der Zeit kam es gelegen, dass Tim Kramm und Marius Müller das Market Gardening mit eigener Direktvermarktung aufbauen wollten. Letztes Jahr produzierten sie rund 80 Gemüsekisten, den Überschuss konnten sie an ein lokales Restaurant in Kassel liefern. Die Nähe zur Stadt und ein gut gepflegtes Netzwerk seien hier ein Vorteil für den Betrieb. Das ermögliche ihnen außerdem, rentabel Boxen- und Gruppenhaltung für Pferde anzubieten, was weitere stabile Einnahmen mit sich bringt.

Misserfolge gehören dazu

Des Weiteren haben sie ihr Grünland ausgeweitet und versucht, das Fleisch ihrer Schottischen Hochlandrinder direkt zu vermarkten. Die Maßnahme blieb erfolglos, denn die vier Nebenerwerbslandwirte konnten den Aufwand zeitlich nicht stemmen.

Aufgrund der Trockenheit war auch die Leguminoseneinsaat in ihre Grünlandflächen wenig von Erfolg gekrönt. Stattdessen halten sie nun gemeinsam mit einem anderen Fürstenwälder Betrieb bedrohte Rinderrassen auf einer ökologischen Ausgleichsfläche und tragen so zur Biodiversität bei. Außerdem setzen sie auf das Mob Grazing – eine Weidestrategie für dürregefährdete Standorte.

Wenn ich nicht in Stadtnähe lebe, kann ich meine Produkte nicht einfach in ein paar schöne Tüten packen und bekomme sie schnell verkauft."

Auf dem Acker ist der Anbau trockentoleranter Kulturen wie Sudangras und Kichererbsen eine Maßnahme. In weiten Teilen Deutschlands fehle für Nischenkulturen jedoch die sichere Absatzstruktur. „Wenn ich nicht in Stadtnähe lebe, kann ich meine Produkte nicht einfach in ein paar schöne Tüten packen und bekomme sie schnell verkauft. Da brauche ich andere Größenordnungen“, sagt Tolle.

Als Lösungswege sieht er die Vernetzung mehrerer Landwirte in einer Erzeugergemeinschaft für exotische Kulturen, damit eine relevante Menge zusammenkommt. Er hat über die nordhessische BioRegioBörse Kontakte knüpfen können. Das ist eine Fachbörse, die Bio-Betriebe mit Abnehmern aus der Gemeinschaftsverpflegung, Gastronomie und dem Einzelhandel vernetzt.

Vom Test zur Perspektive

Weiterführende Maßnahmen bauen auf den ersten auf. Für das Beispiel Market Gardening muss der Betrieb die Bewässerung optimieren. In der Planungsphase ist daher die erweiterte Regenwassergewinnung vorgesehen. Der Hof hat bereits eine Regenwasserzisterne, doch die reichte 2022 nicht mehr. Das Team musste Leitungswasser nutzen. Um davon unabhängig zu werden, wollen die Junglandwirte das Regenwasser im Winter besser speichern und in den Frühjahrs- und Sommerdürreperioden nutzen.

Bestenfalls verbinden sie dieses Vorgehen mit einer Biodiversitätsmaßnahme. Tolle stellt sich zum Beispiel eine Art Vorfluter vor, ein naturnahes Feuchtbiotop, hinter dem die Tanks stehen sollen. Synergieeffekte sind dabei das Ziel. Ein weiterer langfristiger Ansatz, wenn Weizen oder sogar Kichererbsen nicht mehr anbaufähig sind, ist eine Agrophotovoltaikanlage als witterungsunabhängige Einkommensquelle. Wenn die Sonne schon unerbittlich scheint, nutze man sie wenigstens auf diesem Weg für sich.

Aller Anfang ist Humusaufbau

Der erste Punkt einer Anpassungsstrategie, der laut dem Klimaexperten auf der Agenda jeden Landwirts stehen sollte, ist die Verbesserung des eigenen Bodens. „Es gibt tatsächlich noch Betriebe, die keine Zwischenfrüchte ansäen oder ihre Fruchtfolge diversifizieren.“ Das scheint ihn nachdenklich zu machen. „Das gehört doch seit Jahren zur guten fachlichen Praxis.“ Den Boden fit machen – das sei essenziell, auch ohne Klimawandel. Hake es bereits hier, können Landwirte noch so trockentolerante Kulturen anbauen – der positive Effekt bleibe aus.

Nichts für jeden, aber wichtige Pionierarbeit

Bei einem so divers aufgestellten Betrieb entstehen finanzielle und zeitaufwendige Reibungsverluste. „Es gibt ja nicht umsonst hochspezialisierte Ackerbaubetriebe. Die können intensiv und effizient produzieren, weil sie den Fokus auf eine Sache legen“, räumt Tolle ein. „Aber von der sind sie dann auch abhängig.“

Wirtschaftet der Landwirt schon auf Kante und arbeitet 12 bis 14 Stunden täglich, hat er kaum Gedanken für den Klimawandel übrig“

Bisher steckt in dem Vorhaben noch viel idealistisches, ehrenamtliches Engagement. Das Hofteam finanziert alles aus eigener Tasche. Realistisch bedenkt er: „Wir bilden hier nicht den Durchschnitt der deutschen Lebensmittelerzeuger ab.“ Einzelne Anpassungsmaßnahmen sind mit hohen Investments verbunden. Den Spielraum haben laut Tolle nur wenige Landwirte. Er versteht sein Projekt daher als wichtige Pionierarbeit, die im Kleinen zeigen soll, was irgendwann in der Breite kommen könnte. Dafür müsse die Politik den Landwirten ihren Rücken stärken und nicht zusätzlich den Druck erhöhen.

„Anfangen, wenn es geht“, ist sein letzter Ratschlag. „Sich im Klaren darüber sein, dass wir nicht um die Anpassung herumkommen.“ Eine Sache habe er gelernt: Je früher die Vorbereitung beginnt, desto geringer sind die Verluste in Zukunft.

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